Leibliche Macht: Gewalt, Körper und Geschlecht in Jagdsituationen
Kyra Fuhrmeister-Hardt eine Mitarbeiterin unseres Instituts hat in der aktuellen Ausgabe der Österreichischen Zeitschrift für Volkskunde (ÖZV) einen Beitrag zum Thema „Leibliche Macht: Gewalt und Körper in Jagdsituationen“ veröffentlicht. Im Zentrum des Beitrags steht die Frage, wie Macht und Gewalt in der Jagd körperlich erfahrbar und in konkreten Praktiken wirksam werden. Ausgangspunkt der Untersuchung sind ethnografische Forschungen im Oldenburger Münsterland, anhand derer Jagdsituationen, Tötungspraktiken und die Beziehungen zwischen Menschen, Tieren, Körpern, Waffen und Landschaften untersucht werden. Die Beschäftigung mit Jagd eröffnet dabei einen besonderen Zugang zu Fragen von Macht und Gewalt. Jagen bedeutet immer auch, über Leben und Tod eines anderen Lebewesens entscheiden zu können. Gleichzeitig ist dieser Vorgang nicht ausschließlich als abstrakte Entscheidung oder als institutionell geregelte Handlung zu verstehen. Vielmehr ist er in konkrete körperliche Situationen eingebettet: in das Warten auf ein Tier, die Anspannung vor dem Schuss, die Wahrnehmung der Umgebung, den Umgang mit der Waffe und schließlich in die unmittelbare Konfrontation mit dem Tod. Die Untersuchung fragt deshalb danach, wie sich Macht gerade in diesen körperlichen Situationen materialisiert.Der Artikel nimmt dabei unterschiedliche Aspekte der Jagdpraxis in den Blick. Untersucht werden unter anderem die körperlichen Erfahrungen von Jägerinnen und Jägern, die mit dem sogenannten „Jagdfieber“, dem Schießen und dem Töten eines Tieres verbunden sind. Darüber hinaus geht es um die Frage, wann und unter welchen Bedingungen das Töten als Gewalt wahrgenommen wird. Einen weiteren Schwerpunkt bildet das Verhältnis von Macht und Geschlecht: Der Beitrag fragt danach, wie Frauen in einem historisch männlich geprägten Feld Jagdpraxis ausüben und wie dabei Vorstellungen von Weiblichkeit, Männlichkeit, Macht und Gewalt ausgehandelt werden. Theoretisch wird dies unter anderem mit Maurice Merleau-Pontys Konzept des „Fleisches“ betrachtet, das die körperliche Verbundenheit von Mensch, Tier und Umwelt in den Mittelpunkt stellt. Auch das Verhältnis von Kontrolle und Kontrollverlust sowie unterschiedliche Bewertungen von Leben und Tod werden anhand konkreter Jagdsituationen thematisiert.
Grundlage der Untersuchung sind 23 Interviews mit Jägerinnen und Jägern sowie teilnehmende Beobachtungen bei Jagden und weiteren jagdbezogenen Aktivitäten. Ergänzend wurden Beiträge aus sozialen Medien und Zeitungen ausgewertet.Im Zentrum steht damit ein Verständnis von Macht als „verleiblichte Macht“: Macht zeigt sich nicht nur in gesellschaftlichen Strukturen oder institutionellen Regelungen, sondern wird in konkreten körperlichen Situationen erfahren und ausgeübt. Die Untersuchung macht zugleich sichtbar, dass das Verhältnis von Mensch, Tier und Umwelt komplexer ist als eine einfache Gegenüberstellung von handelndem Menschen und passivem Tier.
Der Beitrag eröffnet so einen ethnografischen und körpertheoretischen Blick auf die Jagd und verbindet Fragen nach Macht, Gewalt, Geschlecht, Körper und dem Verhältnis von Mensch und Umwelt.

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